Zusammenklingen, Harmonien, Wohlklang – nicht immer sieht Chorgesang so aus. Manchmal bestimmen Dissonanzen den Chorklang. Und das mit voller Absicht. Wie etwa beim Vokalensemble in der letzten Probe vor den Ferien.

Wenn ein Ges und ein F zusammen erklingen, dann reibt das ganz gewaltig. Wenn die Sängerinnen von Alt und Sopran das Halbton-Intervall gleichzeitig anstimmen, dann strebt die Musik mit Macht zur Auflösung hin. Doch bis die kommt, ist Aushalten angesagt. Und das ist gar nicht so leicht.

In ihrer letzten Probe vor den Sommerferien probte das Vokalensemble vor allem diese Reibestellen. Und die sind ganz schön schwer zu singen. Unwillkürlich will das Ges zum F und das F zum Ges, der Sorpan will sinken, der Alt aufsteigen, und beide dürfen es nicht! Bis ein Intervall “richtig falsch” klingt, ist Feintuning gefragt. “Falsch falsch” will ja keiner. Und erst wenn der Ton im Ohr schabt, stimmt die Dissonanz.

Ob wir einen Klang als angenehm oder unangenehm empfinden, liegt übrigens wahrscheinlich an unserer kulturellen Prägung in der Welt der westlichen Musik. “Viele Forscher gehen bislang davon aus, dass die ästhetische Reaktion auf Gleichklänge biologisch bedingt und quasi weltweit angeboren ist. Musik-Ethnologen und Komponisten hingegen nehmen zumeist an, dass Gleichklang (Konsonanz) ein Produkt westlicher Musikkultur ist,” heißt es dazu in einem Spiegel-Artikel.

Zu verdanken haben wir die herrlich im Ohr kratzenden Stellen dem finnischen Komponisten Jussi Chydenius, Jahrgang 1972. Sein “The Sound of the Sea” mit wogenden Melodieführungen leitete uns gedanklich auch schon einmal in die Ferien.

Die Sängerinnen hatten es gestern also ein bisschen schwer. “Sind wir denn wirklich solche Kratzbürsten?”, war als Seufzer von Petra zu hören. Martin war es dann, der scherzend die positive Botschaft aus all der Dissonanz zog: „Dissonanzen erzeugen Reibung und Reibung erzeugt Wärme und Wärme ist doch etwas Positives!“

Ganz harmonisch ging die Probe dann mit dem gemeinsamen Pizzaessen zu Ende. Einziger Wermutstropfen: Jerome fehlte. Klangliche Reibereien gab es daher diesmal auch nur zwischen den Frauen. Martin war als einziger Mann heute ganz harmonisch mit sich selbst im Einklang. In kompletter Besetzug sehen wir uns im September wieder, wenn wir uns neuen Dissonanzen und Konsonanzen widmen (pha).